IndividualitätIndividualität leben, das will heute jeder Mensch – und Selbstverwirklichung gilt sehr vielen Menschen heute als einer der höchsten Werte. Bei so viel kollektiver Individualität, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass es dabei bei sehr oberflächlichen Lippenbekenntnissen bleibt, vielleicht sogar sehr oft zu verzerrter Selbstwahrnehmung kommt. Meistens nämlich wird diese „Selbstverwirklichung“ als eine Form des Andersseins (miß)verstanden, bei der es darum geht, zwanghaft anders sein zu müssen als alle anderen, um sich selbst damit den Anschein zu geben, man selbst zu sein. Die Diagnose für dieses Phänomen stellte der Philosoph Martin Heidegger in seinem Jahrhundertwerk >Sein und Zeit< schon 1927: „Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.“ – nur dass man sich heute mehr denn je als „Selbst“ fühlt, auch wenn man im Prinzip nur ein „Konformist des Andersseins“ (Norbert Bolz) ist.

Der Begründer der analytischen Psychologie, C.G. Jung, stellte den Begriff der >Individuation< in das Zentrum seiner Lehre. Dieser Begriff beschreibt dabei den Prozess, durch den Menschen eine Form der Individualität entwickeln, die sich wirklich von den Anderen unterscheidet, indem das persönliche und kollektive Unbewusste zu Bewusstsein gebracht wird.
Das zeitgenössische Pseudo-Selbst, in dem Jeder der Andere und Keiner er selbst ist, ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass Menschen ihren unbewussten Antrieben blind folgen und auch unbewusst am Kollektiv teilhaben, ohne dies jedoch bewusst zu realisieren, ja dies sogar zu verdrängen und den Kollektivismus als Individualität zu deklarieren.

Jung formuliert in seiner Essay-Reihe „Gegenwart und Zukunft“ den schönen Gedanken, dass Individualität in dem Augenblick beginnt, in dem wir verstehen, dass es „normal“ und „Durchschnitt“ in der Realität nicht gibt, sondern dass dies fiktive Abstraktionen sind. Nehmen wir z.B. an, dass wir durch ein groß angelegtes Experiment berechnen würden, dass eine Hand voll Kieselsteine durchschnittlich 347,27 Gramm wiegt. Dies tun wir, in dem wir 1000 mal eine Hand voll Kieselsteine nehmen, diese 1000 Kieselstein-HändeVoll wiegen, dann das additive Gesamtgewicht durch 1000 teilen und so das Durchschnitts- bzw. das NormalGewicht errechnen. Die entscheidende Frage ist aber diese: Wie oft wiegt eine einzelne Hand voll Kieselsteine wirklich ganz genau diese 347,27 Gramm? Die überraschende Antwort ist: Höchstwahrscheinlich nie oder nur extremst selten.
Dies illustriert metaphorisch sehr anschaulich, dass das „Normale“ oder „Durchschnittliche“ in der Natur nicht existiert, weil es eine künstlich errechnete Abstraktion ist. Das Individuelle dagegen weicht von der Norm per definitionem ab, ist in gewisser Weise ver-rückt, vom als „normal“ angesehenen (bzw. errechneten) abgerückt, verschieden.

Der Jung’sche Individuationsprozess beschreibt den Weg der Individualität als eine Arbeit der BewusstWerdung, in der die eigene Individualität ent-deckt wird, indem man das persönliche und kollektive Unbewusste aufdeckt.
Einer der Klassiker dieser Arbeit, der mittlerweile auch in vereinfachter Form Einzug in die Pop-Kultur der Selbsthilfeszene erhalten hat, ist die Theorie der Projektion. Jung bringt das so auf den Punkt: „Alles, was uns an anderen stört, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis verhelfen.“
Denn immer dann, wenn wir eine extreme emotionale Reaktion auf Eigenschaften anderer Menschen haben, gibt uns das die Chance der Selbst-BewusstWerdung. Typischerweise machen wir zwar genau das Gegenteil und verlieren uns in der „Projektion“, indem wir die gesamte „Schuld“ für unsere emotionale Reaktion auf den anderen Menschen schieben. Aber unabhängig davon, ob das Verhalten des anderen angemessen ist, sind immer wir selbst es, die die heftige Emotion als Reaktion darauf spüren – und wenn wir uns dies bewusst machen, so haben wir den ersten Schritt getan, uns selbst in unseren Reaktionsweisen bewusster und besser zu verstehen und so mehr Individualität  entwickeln zu können, weil wir nicht länger so sehr Opfer unbewusster Automatismen sind.
Wenn du zudem von der ArbeitsHypothese ausgehst, das „jeder Mensch alle Eigenschaften hat“ (Demartini), dann verbirgt sich in heftigen emotionalen Reaktionen auf bestimmte Eigenschaften anderer Menschen eine Art Abwehrmechanismus, mit der du verhinderst, diese Eigenschaft an dir selbst wahrnehmen zu müssen – eben indem du sie rein auf den anderen projizierst. Was aber wäre wenn du diese Eigenschaft auch hättest? Was wäre, wenn du diese Eigenschaft sogar in demselben Maße hättest, du sie nur auf andere Art und Weise und in anderen Kontexten zum Ausdruck bringst? Wenn du das bewusst realisieren und annehmen könntest, würde nicht nur die Intensität deiner emotionalen Reaktionen auf die selbige Eigenschaft bei anderen Menschen geringer werden, sondern du würdest auch mehr Du Selbst werden, weil du deiner vollen eigenen Individualität in all ihren Eigenschaften und Ausdrucksweisen bewusster auf die Spur kommst.
So löst sich dann auch Schritt für Schritt das Missverständnis der Individualität als zwanghaftem Anders-sein-müssen auf, weil dir zunehmend bewusst wird, dass du im Wesen ganz genauso Mensch bist wie alle anderen Menschen, aber gleichzeitig in deiner Ausdrucksweise des MenschSeins in höchstem Maße individuell.

In diesem Sinne wäre Individualität dann nicht etwas, das du vor allem herstellen musst, sondern etwas, dass du vor allem auch entdecken kannst. Individualität ist dann nicht nur die Arbeit daran, dich selbst zu gestalten, sondern auch das Üben der Gelassenheit, mit der du dich selbst sein und werden lassen kannst, wie du wirklich bist.

Alles Liebe,

Niels Koschoreck (Gründer der Akademie der Befreiung)

Akademie der Befreiung

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